Die heutige Short Story ist Shari gewidmet, die sich eine wolfige Geschichte gewünscht hat. ^^ Ich hoffe sie gefällt euch
Eure DariaLuna
Short Storys – Freiheit
Grünlich schimmert das Licht durch das Unterholz. Die Bäume, die ihre Kronen jahrelang dem Licht entgegen gestreckt haben, bilden ein dichtes Blätterdach, welches nicht viel Sonne für die Pflanzen am Boden übrig lässt.
Ihr ist das vollkommen egal. Sie liebt das dunstige Schummerlicht im Wald. Sie liebt es wenn es dunkel wird. Sie muss sich nicht auf ihre Augen verlassen. Ihre Nase ist ihr von weitaus größerem Nutzen. Nun ja meistens zumindest.
Im Moment aber schleicht sie barfuß über den weichen Moosteppich.
Singende Vögel. Sich im Wind wiegende Bäume. Knirschen und Knacken rundherum. Der Wald ist lebendig. Tanzt und singt. Und heute macht er das nur für sie. Eine fast greifbare Spannung liegt in der Luft.
Bald.
Sie kann es riechen. Fühlen. Ja, beinahe schon schmecken. Ein Lächeln auf liegt auf ihren Lippen. Freiheit war doch etwas Schönes. Und nach dem heutigen Tag, würde dieses Gefühl nie wieder enden.
Anmutig schreitet sie zwischen den Bäumen umher. Es scheint auf den Abend zuzugehen. Die sanften goldenen Strahlen der Abendsonne, die es schaffen sich durch das immergrüne Blätterdach zu kämpfen, verleihen dem ganzen Wald ein erwartungsvolles Leuchten. Sie bleibt kurz stehen und betrachtet mit einem Lächeln im Gesicht ein paar Staubpartikel, die sich im Licht drehen und Tanzen.
Pure Lebenslust glitzert in ihren Augen.
Ein Geräusch aus der Ferne. Sie spitzt die Ohren. Es hat also begonnen. Sie haben ihre Abwesenheit bemerkt. Bald würden sie hinter ihr her jagen. Das Rudel mochte es gar nicht wenn sich einer von ihnen für ein anderes Leben entscheidet.
Würde man verhandeln wollen, oder würde man sie sofort als Verräterin abstempeln? Was auch immer sie jetzt wohl denken mochten, eins war klar: Wenn sie nicht schnell genug sein sollte, würden die sie einholen.
Er wird das nicht zulassen. Er wird schon auf sie warten. Um dann gemeinsam mit ihr auf eine gemeinsame Zukunft zuzulaufen.
Sie holt tief Luft. Den Duft dieses Waldes würde sie wohl vermissen. Süß und Harzig, nach trockener Erde, Sonne und frischen Blättern. So duftete Heimat.
Sie beginnt zu laufen. Schritt für Schritt in eine ungewisse Zukunft. Sie wird schneller und schneller. Fliegt praktisch durch das Dickicht. Ihr Körper dehnt sich. Streckt sich. Verändert sich. Und wo eben noch blanke Füße über das Moos laufen, sind es im nächsten Moment die Tatzen einer jungen Wölfin die sanft über den Waldboden trommeln.
Sie hält inne. Mehrere Sekunden verharrt sie komplett regungslos. Unendlich viele Eindrücke prasseln auf sie ein. Das Rascheln der Bäume. Der kühle Abendwind. Das ferne Rudel. Sie kann sie schon hören. Nicht mehr lange und sie würden da sein. Doch wo war er? Wo würde er auf sie warten?
Da! Ein schwacher Hauch von ihm in der Luft. Ihr Herz macht einen Sprung. Der Wolf in ihr hat ihn gefunden.
Sie läuft los. Weg von dem sich nähernden Rudel, hin zu ihm.
War sie ein böses Mädchen weil sie ihn wollte? War es falsch für ihn ihr bisheriges Leben aufzugeben? Ihre Rudel waren doch eigentlich schon verfeindet genug, aber nach ihrer gemeinsamen Flucht würden sie sich bestimmt nur noch mehr hassen.
Sie waren wie Romeo und Julia. Montagues und Capulets. Ein Hass der schon so lange besteht, das selbst die Ältesten nicht mehr sagen konnten warum. Ein ewiger Kampf um das Territorium. Und es würde auch ewig so weitergehen. Keiner wollte zurückweichen. Keiner wollte Frieden. Keiner wollte Freundschaft.
Und ja, auch sie hatte gehasst. Grundlos, aber mit einer Inbrunst und einem Feuer, dass die Hölle selbst kalt dagegen wirkte. Doch dann traf sie ihn und ihre Welt baute sich mit einem Blick in seine Augen komplett neu auf.
Aus purem Hass wuchs innige Liebe. Aus wilder Wut, heiße Leidenschaft. Aus zwei Feinden wurde ein Paar.
Ihr Herz machte noch einen heftigen Sprung. Sein Geruch wurde deutlicher. Ihre Pfoten wurden schneller. Der Gedanke daran, dass es nur noch Minuten sind, die ihn von ihr trennten, treibt sie immer weiter an.
Mit ihm wirst du niemals Glücklich werden, haben sie gesagt. Er wird dich nur verletzten, haben sie gesagt. Bleib bei deiner Familie, haben sie gesagt.
Sie knurrte leise. Was wussten die schon. Gefangen in ihrer eigenen kleinen Welt, nicht bereit auch nur einmal einen Blick auf das zu werfen, was hinter dem Horizont zu finden ist.
Ohne ihn gibt es kein Glück. Ohne gibt es nur schmerzen. Er war schon vom ersten Augenblick an ihre Familie. Glück, Liebe, Freiheit, all diese Worte bekamen erst mit ihm zusammen einen Sinn.
In der Ferne blitzt ein helles Licht durch die Bäume. Das Ende des Waldes ist nicht mehr weit entfernt. Sie kann seinen Geruch jetzt deutlich wahrnehmen. Sie hört schon seinen unruhigen Atem und spürt wie er nervös mit den Pfoten auf dem Boden scharrt.
Keine Angst liegt in der Luft. Nur unbändige Freude. Ein lautes Heulen durchscheidet den Wind. Sein Begrüßungsruf. Sekunden noch.
Das Rudel hinter ihr wird lauter. Sie holen auf. Aber sie sind zu spät. Als könnte sie so kurz vor ihrem Ziel noch irgendetwas stoppen.
Sie würden einfach dem Ruf der Wildnis folgen. Mit dem Wind um die Wette laufen.
Die Zukunft war vielleicht ungewiss, aber solange es ihre gemeinsame Zukunft war, waren sie beide glücklich.
Sie konnte ihn jetzt sehen. Wilde Freude blitzt in seinem bernsteinfarbenen Wolfsblick auf.
Sie läuft noch ein bisschen schneller. Das Ende des Waldes ist auch die Grenze zur Freiheit. Das Rudel würde an dieser Linie stoppen. Sie hat es geschafft.
Heute Nacht, ist ihre Nacht.
Zusammen gen Süden, oder Osten, oder wo auch immer ihre Pfoten sie hinführen würden. Unbekannte Wälder erkunden.
